Vorwort des VFD-Bundespräsidiums:

Der nachfolgende Leitfaden befasst sich mit einer ergänzenden Maßnahme des Herden- und Equidenschutzes, dem Einsatz von Herdenschutzhunden.

Ohne einen Caniden-sicheren Zaun – quasi eine Art Grundschutz - ist der Einsatz von Herdenschutzhunden (HSH) nicht möglich. Ein erheblicher Mehrwert entsteht beim Einsatz von HSH durch den Schutz vor „zweibeiniger“ Bedrohung, z.B. von Pferderippern, Brandstiftern, die an Heulagern Feuer legen oder Satteldieben. Alarmanlagen und/oder Videoüberwachung mögen auf den ersten Blick moderner erscheinen, sind aber recht teuer und haben bei weitem nicht die gleiche abschreckende Wirkung. Der nachfolgende Text stellt realistisch den mit HSH verbundenen erheblichen Aufwand dar, zeigt aber, wie man damit umgehen kann und sollte.

Einsatz von Herdenschutzhunden bei Equiden – ein Leitfaden

Die Ausbreitung der Wölfe in Deutschland macht den Schutz von Haustieren vor Übergriffen unabdingbar. Auch Pferdehalter denken dabei zunehmend über die Anschaffung eines Herdenschutzhundes nach, wissen aber nicht, ob das für sie eine geeignete Option ist.

Deshalb wurde in Zusammenarbeit mit Birgit Gerigk dieser Leitfaden erarbeitet. Sie ist Mitglied im VFD Arbeitskreis Wolf, Agraringenieurin und hat industriemäßige Tierproduktion studiert, wozu auch die Haltung und Fütterung der Arbeitshunde gehörte. Sie arbeitet in der Tierarztpraxis ihres Mannes mit, züchtet schon lange Lewitzer Ponies und seit kurzem als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Herdenschutzhunde e.V. auch Pyrenäen Berghunde. Sie bildet sich regelmäßig umfassend weiter.

Anforderungen für den Einsatz von Herdenschutzhunden 

1.) Ein Herdenschutzhund genügt nicht, es müssen schon aus Tierschutzgründen für eine tiergerechte Haltung mindestens zwei sein, denn Hunde, die nicht eng mit Menschen zusammenleben, brauchen Artgenossen. Die "Empfehlungen zu Zucht, Ausbildung, Haltung und Umgang mit Herdenschutzhunden in Brandenburg" gehen außerdem davon aus, dass je 5 - 30 Pferde, abhängig von der Größe und Übersichtlichkeit des Geländes und der Herdenzusammensetzung, ein Hund erforderlich ist. Bei größeren Beständen oder schwierigen Verhältnissen können also auch mehr Hunde erforderlich sein.

Gerigk mehrere Hunde

 

 

 

 

 

 

 

 

2.) Herdenschutzhunde ersetzen keinen wolfabweisenden Zaun. Dieser ist schon deshalb erforderlich, damit HSH nicht ihre Weide verlassen (s.u.).

3.) Der eigenständige Charakter der Herdenschutzhunde verlangt darüber hinaus eine geduldige, konsequente Erziehung auf der Basis von Vertrauen und Respekt ohne Gewalt oder übermäßige Härte. Herdenschutzhunde nehmen ihr Wächteramt sehr ernst und haben keinen angeborenen "will to please" („Gefallen wollen“). Aus ihrer Sicht sinnlose Kommandos führen sie nicht aus. Damit muss man als Halter leben können.

Als Orientierung für die „Anforderungen an die Halter von Herdenschutzhunden“ können die „Anforderungen an die Halter von Listenhunden“ genommen werden. Konkret: Wer Hunde hält, die Wölfe in die Flucht schlagen können, muss deutlich mehr können und wissen als der Halter eines Dackels.

Voraussetzung sollte der Besuch eines Lehrgangs für Ausbildung und Haltung von Herdenschutzhunden sein, verbunden mit einem Erwerb eines Sachkundenachweises für die Haltung von Herdenschutzhunden.

4.) Zeit braucht man für täglichen Umgang, Erziehung, Fütterung und Häufchen-Beseitigung. Das Fell braucht dafür normalerweise keine Pflege und Gassigehen ist nicht nur unnötig, sondern aufgrund der gewünschten Bindung an Territorium und Herde sogar kontraproduktiv. Auf einem großen Grundstück bewegen sich die Hunde schon durch ihre Arbeit genug.

Anforderungen an das Gelände:

Das Grundstück sollte nicht zu klein sein, denn Hunde und Pferde müssen sich aus dem Weg gehen können. Pro Hund sollte eine Ruhezone von mindestens 22 m² zur Verfügung stehen, die auch von Menschen möglichst wenig betreten wird, einen Wetterschutz bietet und in der die Fütterung stattfindet. Sie sollte über einen geeigneten Durchschlupf vom Pferdebereich getrennt nur für die Hunde zugänglich sein. Nach außen ist ein wolfabweisender Zaun erforderlich, vorzugsweise ein Elektrozaun, dessen unterste Reihe 15-20 cm über dem Boden verläuft, dessen weitere Reihen mit jeweils 20 cm Abstand bis auf eine Höhe von 60 cm und dann mit 30 cm Abstand bis auf eine Höhe von mindestens 120 cm folgen (damit weder Wölfe herein noch Hunde herauskommen, Gesamthöhe gem. Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten des BMEL vom 09.06.2009 mindestens 0,75 x Widerristhöhe über Grund (für Pferde von 150 cm Stockmaß also etwa 115 cm) und der immer Strom führt.
Die nächsten Nachbarn sollten weiter weg wohnen oder Hundegebell tolerieren. Herdenschutzhunde bellen laut bei jeder Störung, Tag und Nacht. Das ist ihr Job.

Betriebsart:

Korrekt ausgebildete Herdenschutzhunde sind auch für Schul- und Pensionsställe geeignet. Sie lernen schnell, wer kommen darf und wer nicht. Ausnahme: fremde Hunde. Diese werden grundsätzlich als Eindringlinge ins Territorium betrachtet. Manche Herdenschutzhunde können an feste regelmäßige Hundebesucher, z. B. von Einstellern, gewöhnt werden, andere nicht.

Fütterung und Exkremente:

Diese Themen gehören zusammen. Ein tiergerechtes hochwertiges Futter sorgt nicht nur für gesunde leistungsfähige Hunde, sondern auch dafür, dass die Hinterlassenschaften einen relativ geringen Umfang und eine feste Konsistenz haben. Welpen machen überall hin, bei ausgewachsenen Hunden kann es sein, dass sie nur bestimmte Stellen als "Klo" benutzen. Wenige kleine feste Haufen sind leichter zu beseitigen als aufgrund falscher Fütterung große breiige.

Futter ist ein maßgeblicher Kostenfaktor bei der Haltung. Zu berücksichtigen ist dabei, dass man von einem hochwertigen Futter geringere Mengen benötigt und keine fütterungsbedingten Tierarztkosten anfallen. Aus wirtschaftlichen und praktischen Gründen können Trocken- und Dosenfutter gefüttert werden. Für die Gesundheit des Hundes am besten ist die ausgewogene Fütterung mit (Bio-)Fleisch und Innereien („Barfen“).  "Selbermachen" ist, nicht nur beim Barfen, zeitaufwendig, es erfordert bei der Zusammenstellung auch großes Fachwissen.

Eine gesunde ausgewogene Ernährung in richtiger Menge erkennt man an gesundem Fell, bei leichtem Druck tastbaren hinteren Rippen, klaren Augen, feuchter Nase, rassetypischer Agilität und gut geformtem Kot mit nicht zu weicher oder gar harter Konsistenz.

Auswahl und Beschaffung:

Es gibt ca. 30 Hunderassen, die als Herdenschutzhunde gelten. Einige davon werden durch Verbandszüchter vermehrt, andere in ihren Ursprungsgebieten nach traditionellen Gesichtspunkten. Wichtig ist weniger die Rasse, als vielmehr die Gebrauchseigenschaften. Der Hund muss beispielsweise fellmäßig für das hiesige oft nasse Klima geeignet sein.

Wichtig: In manchen Bundesländern stehen einige Herdenschutzhunderassen auf der Liste der gefährlichen Hunderassen.

Vor der Anschaffung von Herdenschutzhunden muss man unbedingt vorher abklären, ob und unter welchen Bedingungen die gewählte Rasse im jeweiligen Bundesland gehalten werden darf. Das gilt auch für deren Mischlinge aus diesen Rassen.

Hunde aller Rassen, die für Ausstellungen gezüchtet wurden, werden nach optischen Kriterien selektiert und müssen mit den dortigen Bedingungen (viele fremde Menschen und Hunde, Richter, die sie überall anfassen ...) zurechtkommen. Ob sie sich noch für Herdenschutz eignen, ist Glückssache.

In osteuropäischen Ländern wurden bzw. werden Herdenschutzhunde unter anderem vom Militär als Wachhunde genutzt und auf Schärfe gegenüber Menschen selektiert. Hunde aus solchen Linien gelangten teilweise in die heimische Gebrauchshundezucht. In den Neuen Bundesländern stammen viele Kaukasische Owtscharkas aus solchen Linien. Bei solcher "Militärabstammung" ist die Eignung für Herden ebenfalls nicht sicher, Besucherverkehr sollte jedenfalls bei den meisten Hunden aus solchen Linien nicht vorhanden sein.

Die Hunde sollten also vorzugsweise aus bewährten Zuchtlinien für den Herdenschutz stammen. Aber selbst bei diesen ist nicht sicher, dass sie für Pferde geeignet sind. Birgit Gerigks erste Zuchthündin war unter Alpakas aufgewachsen und konnte sich nicht daran gewöhnen, dass die Ponys sie nicht mitten in der Herde haben wollten. Zu ihrem eigenen Schutz wurde sie an einen Schäfer abgegeben, wo sie jetzt einen tollen Job macht.

Am wenigsten falsch machen kann man also mit einem Hund aus einer Gebrauchslinie, der mit Pferden aufgewachsen ist.

Welpe oder Althund? 

Gerigk Hund Pferd

Herdenschutzhunde sind erst mit ca. zwei Jahren ausgewachsen und ausgereift. Bis dahin müssen sie ihren Job lernen. Dazu brauchen sie neben der Leitung durch den Halter auch ältere Hunde als Vorbilder, von denen sie durch Abschauen lernen können. Wer also keinen ausgebildeten Herdenschutzhund als Vorbild + Zeit für die Beaufsichtigung und Ausbildung des Welpen hat, sollte sich "fertige" Hunde anschaffen. Denn falsche Erziehung kann zu unerwünschtem Verhalten führen (z. B. Aggressivität untereinander, gegenüber Menschen und Herde, Verlassen des Grundstücks), das den Hund unbrauchbar und im schlimmsten Fall unvermittelbar macht.

Bei Herdenschutzhunden gibt es außerdem auch innerhalb einer Rasse zwei grundsätzliche Charaktertypen: Typ 1 rennt sofort auf potentielle Eindringlinge zu und verbellt sie. Typ 2 lässt sich mehr Zeit und schaut sich erst mal um, ob evtl. auch aus anderen Richtungen Feinde kommen. Nur im Team bieten sie der Herde Sicherheit, denn gemeinsam jagende Wölfe sind schlau genug, um Wächter an einer Seite abzulenken und an der anderen Seite zuzuschlagen. Man braucht also von jedem Typ mindestens einen.

Ein guter Züchter kennt seine Hunde und stellt die Teams entsprechend zusammen.

Kosten:

Welpen aus den Arbeitslinien kosten ab der vollendeten 8. Lebenswoche ca. 1.000,- €, ein zweijähriger Hund mit bestandener, zertifizierter Herdenschutzhundeprüfung durchaus bis zu 7.000,- €. Diese Hunde sind entwurmt, geimpft, gechipt und mit EU-Heimtierausweis versehen. Manche Bundesländer geben Zuschüsse zum Erwerb oder Unterhalt, meist bei Voll- und Teilerwerbslandwirten und manchmal auch bei Pferdehaltern. Ob das der Fall ist, welche Rassen unterstützt werden und ob man zum begünstigten Personenkreis gehört, muss man bei der zuständigen Stelle erfragen. Das wird in den jeweiligen Wolfsmanagementplänen der Bundesländer geregelt.

Die Futterkosten belaufen sich jährlich auf mindestens 500,- € je Hund, je nach gewähltem Futter durchaus bis 1.200 € oder mehr (Barf, Bio, teure Marken). Tierarztkosten fallen regelmäßig für Impfungen und Entwurmungen an. Erbkrankheiten sind bei Herdenschutzhunden aus Gebrauchslinien nicht bekannt. Bei ordnungsgemäßer Haltung sind sie sehr gesund und langlebig. Am ehesten ist noch die Behandlung von Verletzungen erforderlich.

Es wird eine spezielle Haftpflichtversicherung für Herdenschutzhunde benötigt. Deren Kosten variieren und sind konkret, möglichst bei einem auf dem Gebiet erfahrenen (!) Versicherer, zu erfragen.

Fütterung:

Der Verdauungstrakt des Hundes unterscheidet sich nicht wesentlich von dem des Wolfes und ist auf tierische Nahrung ausgelegt. "Gemüse" ist deshalb am verdaulichsten, wenn es vorfermentiert aus dem Magen eines Wiederkäuers stammt.

Getreide und Rohkost in größeren Mengen führen zu Verdauungsstörungen. Ungereinigter Pansen, egal ob vom Schlachter nebenan oder dem Tiefkühlfach des Futtermittelhändlers, sollte deshalb unbedingt auf dem Speiseplan stehen. Bei Dosen sollte der Anteil an Fleischstücken möglichst hoch sein. Gelee/Jelly ist ein billiger Füllstoff, der fast nur aus Wasser besteht. In "Pasteten" sind auch oft billige Füllstoffe eingearbeitet, die schlimmstenfalls sogar die Verdauung stören können. Trockenfutter sollte möglichst wenig Getreide und andere kohlenhydratreiche Bestandteile enthalten. Es sollte ein Futter für große Rassen sein, denn die brauchen pro kg Körpergewicht weniger Energie als kleine, aber Eiweiß, Mineralstoffe usw. müssen ausreichend enthalten sein. Außerdem sind die Stücke dann größer und können besser gefressen werden. Glanzvolle Namen, hübsche Bilder oder hoher Preis sind keine Garantie für gute Qualität. Um das Lesen der Deklarationen kommt man nicht herum. Der Futterbedarf hängt von Alter, Arbeit des Hundes und dem Futtermittel ab.

Die Angaben der Hersteller zur benötigten Menge bei sehr großen Hunden sind für Herdenschutzhunde nicht unbedingt zutreffend. Teilweise wird der Bedarf mit über 2 kg pro Hund und Tag angegeben. Hier deshalb eine Beispielration: Birgit Gerigk füttert ihre Hunde pro Nase täglich mit je bis zu 500 g (Welpen im Wachstum) eingeweichtem Trockenfutter (in diesem Fall laut Deklaration mit 26 % Eiweiß und 14 % Fett zumindest rein rechnerisch recht ausgewogen ist, und die Brocken mit einem Durchmesser von ca. 2,5 cm ausreichend groß sind), dazu gibt sie 100 g hochwertiges Dosenfutter (mit 70% Fleischanteil) und 100 g ungereinigten Pansen. Kosten pro Hund und Tag ca. 2,00 € (Internetrecherche, Stand Nov. 2020).

 

Nähere Informationen zu Herdenschutzhunden bekommt man u.a. bei nachfolgenden Vereinen:

 

Verfasserinnen: Heike Korowiak und Birgit Gerigk, VFD-Arbeitsgruppe Herdenschutz
Fotos:  Birgit Gerigk

 

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