Ein Sternritt vom Heimatstall aus begonnen, kann helfen, die eigene Landkarte erheblich zu erweitern. Diese wundersame Erkenntnis habe ich über Pfingsten gewonnen. Für mich war bei Ausritten mit meiner Stute Lady bisher an einer bestimmten Stelle im Wald die Welt immer zu Ende: Hinter der Landstraße, auf der die Autos viel zu schnell fahrend über eine Kuppe kommen, und wo eine leichte Kurve auf der anderen Straßenseite die Sicht verbirgt. Jedesmal drehe ich dort um, und reite wieder zurück.

Als meine Stallkollegin Angela und ich am Pfingstsamstag auf dem Weg von Schwerte-Reingsen nach Iserlohn-Griesenbrauck an genau diese Stelle kommen und die Straße überqueren, offenbart sich hinter der Biegung eine große Weite. Ich bin sprachlos und fasziniert. Die Welt jenseits der sonst abschreckenden Straße ist schön, anders und fremd. Der Duft der Gerste, die sanft im warmen Wind wellenartig tanzt, steigt uns in die Nase, am Rand der Felder rote Mohnblumen. Meine Stute Lady genießt den Blick über die grün-gelbe Sommerlandschaft. Wir reiten vorbei an schönen Bauerngärten, Häusern mit Streuobstwiesen, unter deren Bäumen Pferde dösen, durchqueren den Parklatz eines geschäftigen Reitturniers, dessen Teilnehmer in weißen Hosen unsere Pferde anstarren, als seien sie eine Equidenart vom Mars.

Gudrun Ettemeyer, unsere Gastgeberin während des Sternrittes, holt uns an einer Wegbiegung mit dem poetischen Namen „Frühlingsufer“ ab, weil wir die weitere Strecke nicht gut kennen, und die Stadt Iserlohn unbedingt umschiffen wollen. Gudrun führt uns durch Wälder mit großen Kiefern, die süßlich riechen, über torfige weiche Pfade, vorbei an einer Hochhaussiedlung, durch ein Gewerbegebiet mit Autohäusern und Verkehrsinseln, hinter dem sich die Landschaft dann wieder in eine liebliche Gegend mit schlängelnden Wegen, Rosenbüschen und unbewegten Fischreihern an Teichen zurückverwandelt.

Nach drei Stunden kommen wir in Griesenbrauck an. Unsere Pferde heben die Köpfe und begrüßen ihre Artgenossen, genauso wie wir.

Auf der großen Wiese hinter der Hecke brennt schon ein Lagerfeuer, und die Männer des THW, die uns in den nächsten Tagen kulinarisch versorgen wollen, bereiten das Abendessen vor. Sie verbinden ihr Zeltlager an Pfingsten mit unserem Sternritt. Einige von uns Reitern zelten auch. Am abendlichen Feuer vermischen sich die beiden Welten. Das passt gut! Die Alltagsgedanken haben wir bereits während des Hinreitens in irgendeinem Waldstück verloren.

Für den nächsten Tag ist ein Ausritt in die Umgebung geplant. Gastgeberin Gudrun wird uns führen.

Um elf geht es los. Ein Aufbruch mit mehreren Pferden hat immer etwas aufregendes. Die Luft ist erfüllt vom Getrappel der Hufe, die Pferde schnauben, es riecht nach Leder, und es ist etwas Besonderes, daran teilnehmen zu dürfen. Zu unserer Gruppe gehören mehrere Tinker, ein irisches Vollblut, das bis vor Kurzem noch Hindernisrennen gelaufen ist, und nun eine gemächlichere Reisegeschwindigkeit kennen- und lieben lernt, ein temperamentvoller Traber ist dabei, meine Morgan-Mix-Stute Lady, ein Welsh Cob, ein Kaltblut-Mix und ein Deutsches Reitpony. Unsere Gruppe mit den zwölf Pferden ist eine bunte Mischung aus Farben und Rassen, die Gudrun auf ihrer Tinkerstute Clooney durch das Gelände führt: am Bismarckturm vorbei, über einen Höhenweg, der weite Blicke in die Landschaft des Märkischen Sauerlandes gewährt. An einer Stelle ist sogar von oben der Seilersee in Iserlohn zu sehen. Bei Hemer-Landhausen reiten wir durch üppige Getreidefelder, und unsere Pferde geniessen es, in fremdem Gebiet unterwegs zu sein. Zwei Stunden reiten wir gemeinsam, und erzählen uns die Geschichten unserer Pferde, und die Abenteuer unserer Wanderritte, die einige von uns schon gemacht haben.

Und was gibt es Schöneres, als nach einem Ausritt seinen Vierbeiner zu versorgen und dann selbst verwöhnt zu werden? Die Männer und Frauen des THW, Ortsgruppe Kalthoff, braten an diesem Tag für uns Reibekuchen in riesigen Pfannen. Ich hatte sie seit Jahren nicht mehr gegessen. Mein Rekord liegt bei fünfundzwanzig. Da ich nicht als gefräßig gelten will, stelle ich mich nur zweimal an, beschränke ich mich auf sieben, und bin angenehm satt.

Das Wunderbare an solchen Sternritt-Veranstaltungen ist, dass man hemmungslos über nichts anderes als Pferde reden kann. Drei Tage lang. Zwischendurch geht man immer wieder zu seinem eigenen Pferd, setzt sich zu ihm, schüttet ihm neues Heu auf, krault es, und genießt seine zufrieden glänzenden Augen, denn auch die meisten Pferde genießen Abenteuer mit ihrem Menschen.

Als wir ein gemeinsames Foto mit dem THW machen wollen, und unsere Vierbeiner gestriegelt und gesattelt auf die Grillwiese führen, da kommen mir die Tränen. Jeder der Reiter ist stolz auf sein Pferd, glücklich, es an seiner Seite zu haben, und nun können wir sie in ihrer vollkommenen Schönheit zeigen. Die Männer und Frauen vom THW schauen gebannt, während wir uns aufreihen. Alle Pferde akzeptieren die großen blauen LKW des Hilfswerkes, das vibrierende Aggregat in der Ecke, stehen eng aneinander, ohne sich zu kennen, und nehmen das Lagerfeuer nur flüchtig mit den Ohren wahr.

Gastgeberin Gudrun Ettemeyer steht zufrieden neben ihrer Clooney und genießt das Gemeinschaftsgefühl, das uns in diesen Momenten verbindet.

Viel zu schnell vergeht die Zeit, und wir müssen am Pfingstmontag wieder Abschied nehmen. Den vierzehn Kilometer langen Weg zurück nach Reingsen finden meine Mitreiterin Angela, ihr Traber High Step, Lady und ich problemlos. Wir genießen das zeitlose Unterwegssein. Über uns kreisen Milane, die beim Stichwort „Grenzen auf der eigenen Landkarte“ die gefiederte Stirn runzeln.

Sie segeln unter dicken weißen Wattewolken am blauen Himmel, getragen von einer warmen Luft. „Fast schon ein bisschen kitschig, oder?“, ruft mir Angela zu. Doch die Natur spiegelt eigentlich nur unser momentanes Lebensgefühl wider.

Zum Abschied hatten die Männer und Frauen vom THW noch gesagt, dass wir Reiter ein angenehmes Völkchen seien, und wir alle doch im nächsten Jahr an Pfingsten wieder zusammenkommen könnten. Nichts lieber als das! Drei Tage den Alltag vergessen, zusammensitzen und die

Andrea Klasen hat ein Buch über ihren Wanderritt mit ihrer Stute Lady durch die Eifel geschrieben. „Die Stille und das Pferd“ ist in diesem Jahr erschienen. Mehr Infos, Fotos und Leseprobe unter: www.wortmanufaktur.info

Nähe seines Pferde genießen. Was gibt es Schöneres?

 

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