Mehr als 16 Stunden in Bewegung pro Tag, gelten für wild lebende Pferde als normal. Muss uns deshalb ein schlechtes Gewissen plagen, wenn unsere Pferde im Auslauf oder Offenstall die meiste Zeit des Tages mit Herumstehen und Dösen verbringen? Oder wenn wir sie nachts oder bei extremen Wetterbedingungen in einer Box unterbringen? Ein Pferd in Freiheit ist fast ständig in Bewegung, Tag und Nacht, im Sommer und im Winter. Gemächlich äsend legen Wildpferde bei ihren Streifzügen durch die Grassteppe zwischen 40 und 60 Kilometer pro Tag zurück – in Dürrezeiten sogar bis zu 100 Kilometern. Ihre Fähigkeit schnell laufen zu können, dient ihnen ausschließlich für kurze Strecken, um sich vor natürlichen Feinden in Sicherheit bringen zu können. Dabei können durchaus Geschwindigkeiten bis zum 60 Kilometer pro Stunde erreicht werden. Gerade diese Eigenschaften des Pferdes – nämlich sowohl lange ausdauernd als auch schnell laufen zu können – machen wir Menschen uns seit Tausenden von Jahren zunutze. Ohne das Pferd wäre weder unsere moderne Industrie noch unsere heutige Gesellschaftsordnung denkbar gewesen. Im Laufe des letzten Jahrhunderts haben wir uns jedoch von der wirtschaftlichen und militärischen Nutzung des Pferdes weit entfernt. Die Freizeitgesellschaft hat auch das Freizeitpferd hervorgebracht. Und bei dieser „Spezies“ Pferd kommt das Bewegungsbedürfnis fast überall zu kurz. Bewegungsmangel und Langeweile - eine gefährliche Kombination
Aus der Notwendigkeit zu einem großen Bewegungsradius – denn ansonsten wären die Vorfahren unsere Pferde schlichtweg verhungert – ist ein großes Grundbedürfnis nach Bewegung entstanden, psychisch wie physisch. Auch mehr als 5000 Jahre züchterischer Einfluss des Menschen haben dieses – wie auch andere – natürliche Grundbedürfnis nicht beseitigt. So führt ein Zwang zu Bewegungslosigkeit (zum Beispiel durch Anbinde- oder Boxenhaltung) zu Langeweile, Stress, Unausgeglichenheit bis hin zu Verhaltensstörungen (zum Beispiel Weben, Koppen etc.). Wissenschaftler erklären dies durch das nach beziehungsweise bei Bewegung vermehrte Vorhandensein bestimmter Botenstoffe (sog. Endorphine oder auch „Glückshormone“) im Gehirn. Das Prinzip „Laufen macht süchtig“ kennen beispielsweise auch Langstreckenläufer, die bei Trainingszwangspausen regelrecht Entzugserscheinungen verspüren. Wenn Pferde als Ersatzhandlung weben oder koppen werden übrigens auch genau diese Endorphine freigesetzt. Viel Bewegung hält Pferde gesund
Mangelnde Bewegung ist aber auch die Ursache für eine ganze Reihe von körperlichen Problemen, die unsere modernen Pferde plagen. Nicht umsonst sagen so viele Tierärzte: „Die meisten Pferde stehen sich kaputt.“ So ist das Verdauungssystem des Pferdes auf die fortlaufende Verwertung faserreicher, energiearmer Nahrung ausgelegt, wobei die ständige Bewegung – bei der die Bauchmuskulatur ja mitwirkt - gleichzeitig die Darmperistaltik (Eigenbewegung des Darms zum Transport des Darminhalts) fördert. Ausreichende Bewegung ist also wichtig für eine störungsfreie Verdauung. Zu wenig Bewegung fördert das Auftreten von Koliken (meist sogenannte Anschoppungskoliken, die durch unregelmäßigen Transport des Darminhalts entstehen, im Gegensatz zu Gaskoliken, die meist durch Hyperperistaltik (vermehrte Peristaltik in Folge von Stress, Aufregung, verdorbene Futtermittel oder Fütterungsfehler). Das gesamte Skelett des Pferdes mit den dazugehörenden Bändern und auch die Muskulatur ist ausgerichtet auf eine ruhige gleichmäßige Bewegung mit tiefgehaltenem Kopf und gleichzeitig möglichst energiesparenden Sprints im Notfall. Gelenke und Muskeln werden durch die permanente Bewegung geschmeidig gehalten, um bei Gefahr jederzeit verschleißfrei Höchstleistungen erbringen zu können. Beispielsweise benötigt Gelenkknorpel nach längerer Ruhepause mindestens 15 Minuten schonende Schrittbewegung, bis er sich ausreichend mit Wasser gefüllt hat, um seine maximale stoßbrechende Wirkung entfalten zu können. So kann also intensives von Höhepunkten geprägtes Training ohne ruhige Vorbereitung Gelenkschäden hervorrufen. Das gilt übrigens auch für das Laufen lassen ohne eine kontrollierte Aufwärmphase im Schritt! Insbesondere für die Rückenmuskulatur bedeutet das ständige Grasen ein sanftes „Stretching“. Auch tägliches Striegeln oder Massieren kann diese natürlichen „Lockerungsübungen“ nicht ersetzen.
Weitere Informationen und mehr über die Arbeit von Karin Kattwinkel

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