VFD-Treff Kreisverband Bamberg am 08.01.2016 in Hallstadt

Vortrag von Frau Sibylle Wiemer

Alltagswissen für Reitpferde

Sibylle Wiemer – Trainerin, Pädagogin, Theologin sowie Buch - Autorin gab uns aus Ihrem enormen Wissensschatz eine grobe Zusammenfassung der Möglichkeiten, die uns Reitern zur Verfügung stehen, um unsere Pferde gesunderhaltend reiten zu können.

„Wenn wir die Menschen dem Himmel ein Stück näher bringen wollen, setzen wir sie auf ein Pferd“.

Was für eine schöne Einleitung. Dabei wissen wir doch mittlerweile alle, dass ein Pferd nicht zum Tragen von Reitern erschaffen wurde. Und doch setzen wir uns regelmäßig drauf und erwarten ein frisches, fleißiges, braves und gehorsames Pferd, das uns gut gelaunt und willig und in Dehnung und Anlehnung durch die Gegend trägt.

Also begann Sibylle Wiemer erst einmal mit der Anatomie des Pferdes. Biomechanische Zusammenhänge wurden genauso erläutert wie die wichtigsten Muskeln und Ihre Einsatzbestimmungen. Warum arbeitet welcher Muskel wie und warum und was passiert, wenn?

Welch spannendes Thema! Z.B. gibt es keine bewegliche Wirbelsäule, wenn das Kiefergelenk fest ist und anders herum, gibt es keinen entspannten Kiefer, wenn die Wirbelsäule blockiert ist. Oder: Der Rücken kann sich nur aufwölben, wenn die Bauchmuskeln angespannt werden. Bewegung ist also immer ein Anspannen und Dehnen. Kein Muskel arbeitet alleine. Viele solcher Beispiele folgten, um die Theorie bildhaft zu vermitteln. So konnte jeder Teilnehmer es sich leicht und lebhaft vorstellen.

Auch ein wichtiges Thema war das Nackenband. Durch Absenken des Pferdekopfes wird es angespannt und fächert den Widerrist auf. Dabei ist es wichtig, dass die Nase vorn bleibt und viele kleinere Muskeln den Ansatz des Nackenbandes am Genick unterstützen, diesen enormen Zug aufzubauen. Beim Einrollen des Kopfes hingegen, wird der Ansatz des Nackenbandes überdehnt, mit weitreichend negativen Auswirkungen für das Tragen und das Bewegen des Pferdes. Ähnlich negativ sind die Konsequenzen, wenn das Pferd seinen Kopf nach vorne - oben streckt. Den Zuhörern wurde verdeutlicht, warum die Dehnung auf Buggelenkshöhe mit „Nase vor!“ so wichtig ist. Und gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass es von Pferd zu Pferd individuell unterschiedlich ist, die Dehnungshaltung doch noch ein Stückchen tiefer oder höher zu reiten.

Sibylle Wiemer gab uns einen Einblick, wie die sog. Trageerschöpfung vermieden werden kann. Denn, wenn die Rücken- und obere Halsmuskulatur schon atrophiert ist, muss diese unbedingt ohne Reitergewicht wieder antrainiert werden!

Es gab Einblicke in Besonderheiten einzelner Muskelgruppen, so kamen wir zu dem Thema Multifidi. Ein lustiger Name für viele kleine, kurze Muskeln, die die einzelnen Wirbel der Wirbelsäule verbinden. Diese kann man beispielsweise durch Bodenunebenheiten oder Vibrationsplatten aktivieren. Darauf wies Sibylle Wiemer auf das „Hänger fahren“ hin. Wenn Pferde die dabei entstehenden Vibrationen nicht gewohnt sind und dann stundenlang zum nächsten Kurs fahren, dann kann es sein, dass ein heftiger Muskelkater in diesen Multifidi entsteht und das Pferd sich am ersten Kurstag recht zäh anfühlt. Wer das schon erlebt, kennt nun den Grund dafür und reist vielleicht früher an. Uns Zuhörern ging regelrecht ein Licht auf.

Wie können wir also reitweisenübergreifend unser Reitpferd gesund erhalten?

Grundlegend wichtig sind Weg und Tempo. Beim Tempo jedoch geht es nicht um schnell im Sinne eilig, sondern immer wieder um große, lange Schritte, Tritte und Sprünge mit ordentlichem Vorwärts, „Husch im Po“ und „großem Hü“ abwechselnd geradeaus oder in Biegung und Dehnung. Dabei sind häufige Handwechsel und insgesamt ein abwechslungsreiches Programm mit verschiedenen Kopf-Hals-Positionen sehr wichtig.

Alle Menschen, alle Wirbeltiere sind schief. Wir alle sind Händig, Seitig und leben in Hirnigkeit. So kann z.B. nachgewiesen werden, dass die rechte Hand bei allen Reitern weniger Zuglast aufnimmt als die linke. Dabei ist es egal, ob man Links- oder Rechtshänder ist. Die Gründe dafür werden noch erforscht, aber klar ist: Die rechte Hand gibt ihre Empfindungen an die linken Gehirnhälfte, die abstrakt denkt und die linke Hand an die rechte Gehirnhälfte, die kreativ und intuitiv arbeitet. Wenn man sich das bildlich vorstellen mag, sagt also die rechte Gehirnhälfte: das ist so 500 Gramm und passt schon. Die linke hingegen denkt sich, ja - das fühlt sich doch fluffig an. Na ja… und wie macht unser Gehirn daraus eine Information? … Was dabei raus kommt, können wir uns vorstellen. Wenn uns das bewusst ist, können wir jedoch gezielt unser Bewegungsgefühl trainieren. Da war die Zügelkraftmessung mit Dr. Kienapfel vor einem Jahr Gold wert und hilft uns nun beim täglichen Reiten. Sowas ist sehr empfehlenswert.

Es folgten so viele kleine und interessante Details aus unserem Alltag. Ein Knieschluss verhindert geschmeidiges Aussitzen, da wir mit dem Becken nicht mehr mitschwingen können. Dazu kommen Kommandos mancher Reitlehrer, aus denen unser Gehirn ganz falsche Bilder erzeugt. Wie sollen wir beispielsweise ruhig und bewegungslos auf einem schwingenden Pferd sitzen? Ebenso ist das Ferse-runter- drücken und damit die Blockierung der Fußgelenke hinderlich. Die Liste ist lang. Wir müssen alle mehr über unseren eigenen Körper lernen!

Lustige Übungen haben uns Aha-Erlebnisse gebracht. Einfache Übungen, die beim Warmreiten ausgeführt werden können. Liegende Achten mit Zunge oder Unterkiefer in beide Richtungen, Ein- und Auswickeln mit den Armen – mit und ohne Augen! Ja…. wer dabei war, weiß sofort, was ich meine. Sah sehr lustig aus. Unterm Strich war das eine Eulenübung, denn wir konnten unseren Kopf alle gefühlt einmal um uns selbst drehen. Toll! Mit so wenig Aufwand so viel Mobilität!

Was können wir alle also in unseren Pferde-Alltag mit einbauen? Grundlegend wichtig ist die Geschmeidigkeit des Sitzes: Sitz Dich fit! Wobei wir ja nicht auf dem Pferd sitzen, sondern mitgehen, mitlaufen, mitjoggen, mitgaloppieren….

Was ist alles möglich? Handarbeit, Bodenarbeit, Freiarbeit, Seitengänge aller Art, Dressurreiten – überall! – auch im Gelände, Hangtraining, Bodenunebenheiten, Spazieren gehen, Springgymnastik an der Longe, Stangenarbeit, Longieren, Equikinetik….. es geht endlos weiter. Die Auswahlmöglichkeiten sind riesig.

Resümee:

Wir müssen lernen, unseren Pferden zuzuhören. Sie zeigen uns eigentlich immer, was geht und was nicht geht.

Hilfszügel, Doping und zugebundene Mäuler sind Tabu!

Das Plädoyer lautet: Abwechslungsreiches, Anspruchsvolles und Aktives Reiten!

Ermüdung, Eintönigkeit und Monotomie sollen vermieden werden!

Was hilft uns? Über den Tellerrand zu schauen. Angebote, Arbeitsweisen und Ideen in Ruhe ausprobieren und sich daraus die Sachen auswählen, die uns und unserem Pferd Spaß machen und beiden das Gefühl geben, dass es passt.

Bericht von Michaela Hohlstein, Kreisverbandsvorsitzende Bamberg

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