Die Diskussion über die richtige Kopf-Hals-Position bleibt seit Jahren aktuell. Immer wieder kursieren Bilder im Netz, heiße Streitereien entbrennen in den Lagern. Was ist denn jetzt rein wissenschaftlich die zu wählende Position aus Pferdesicht? Und was hat das für Auswirkungen auf die Biomechanik? Wie funktioniert der Pferdekörper überhaupt? Diese Fragen wurden uns in einem sehr fachkundigen Vortrag klargelegt.

Die Doktorarbeit von Fr. Dr. Kienapfel hat das bestätigt was wir alle wissen. Hyperflexion (Rollkur) ist schädlich. Die Giraffenhalsposition noch schlimmer. Der Weg zu der Erkenntnis ist allerdings wesentlich spannender gewesen.

Das Pferd ist wie ein Balken auf zwei Pfeilern gebaut. Zwischen diesen Pfeilern biegt sich der Balken durch und es kommt zu Kräften im Pferderumpf, die sich an den entgegengesetzen Körperseiten konzentrieren. (siehe Bild). Wo Druckkräfte in diesem Körper wirken, werden Knochen und Knorpel eingebaut. Wo Zugkräfte wirken, können nur Muskeln und Bindegewebe im Körper eingebaut werden, denn nur diese können die Zugkräfte aufnehmen.

Eine reelle Versammlung, also ein vermehrtes Untertreten der Hinterhand unter den Schwerpunkt des Pferdes geht nur mit aufgerichtetem Kopf. Mit einem tiefen Kopf würden unphysiologische Spannungen im Pferd wirken. Das liegt an den Biegemomenten.

Zusätzlich wurden Muskelaktivitäten von Hals- und Rückenmuskeln in verschiedenen Kopf-Halspositionen gemessen. Gezielt in einer freien Position, sowie mit Anlehnung vor Senkrechten, ebenso wie hinter der Senkrechten. Die Muskelmessungen waren eindeutig. Mit offenem Genick ist eine höhere Aktivität des oberen Halsmuskels (M. splenius) und des M. trapezius zu erreichen. Der M. brachiocephalicus – der untere Halsmuskel wenig aktiv. Mit engem Genickwinkel ist es eben genau anders herum und kontraproduktiv. Was leider ein „tolles“ Nebenprodukt des aktiven unteren Halsmuskels (Kopf-Arm-Muskel) in der Rollkurposition ist: Eine Verstärkung der Bewegung der Vorderbeine. Bei Hyperflexion wird also diese unglaubliche Vorhandaktion geschaffen, die immer so toll bewertet wird. Dass die Hinterhand dabei komplett vernachlässigt wird, scheint nicht zu interessieren.

Die Pferde zeigen starke Unmutsäußerungen in Kopfpositionen mit der Nasenlinie hinter der Senkrechten, die völlig ignoriert werden. Unter anderem starkes Schweifschlagen und Zungen- sowie Maulspiel, das allerdings wahrscheinlich mit den zu festen Sperrriemen um das Maul noch unterbunden wird. Hier wurden 180 Pferde auf dem Abreiteplatz und danach auf dem Turnier beobachtet. Die Studentin, die diese Untersuchungen gemacht hat, kam häufig völlig demotiviert wieder. Die Zustände waren wohl häufig sehr gruselig.

Pferde, die durch sehr gute Reiter am Abreiteplatz gezielt gerollt wurden und in der Turnierlektion dann eher vor durften, liefen toll und entspannter (oh Wunder!) und bekamen natürlich tolle Noten. Es spielt übrigens keine Rolle, ob Anfänger, fortgeschrittene Reiter oder Profis hinter der Senkrechten ritten. Die Unmutsäußerungen blieben gleich.

Eine offene Genickhaltung mit der Nasenlinie vor der Senkrechten wurde tendenziell in den niedrigen Klassen mit besseren Noten bewertet, in den höheren Klassen eher mit schlechteren Noten bestraft. Wir alle wollen das nicht hören…. Es ist doch bekannt… warum ändert sich bei den Richtern nichts?

Also: Gutes Muskelspiel und Training der Oberlinie, wenn Schwerpunkt des Kopfes vor der Senkrechten ist! Richtige Konditionierung ist das Ah und Oh. Wichtig ist Timing und Dosierung. Wir alle kennen es am Beispiel Annahmen und Nachgeben: Man nimmt den Zügel solange an, bis die gewünschte Reaktion des Pferdes erfolgt. Daraufhin erfolgt ein sofortiges Nachgeben der Reiterhand.

Es hat sich auch gezeigt, dass es mit Reitern auf dem Rücken im Schritt und Trab keine Änderungen der Muskelspannungen ergibt. Nur im Schritt. Stören wir das Pferd deutlich weniger als wir annehmen? Es wurden allerdings auch nur sehr gute Reiter für den Test genommen die absolut „im“ Pferd saßen. Das wäre auch einmal spannend gewesen….. Vielleicht bei einer neuen Studie.

Fazit:

• Nur eine Hals-Nacken-Position mit offenem Genickwinkel ist physiologisch und trainiert die erwünschten Halsmuskeln

• Über die Bogen-Sehnen-Theorie Rückschlüsse auf die Praxis möglich

• Pferde wollen richtig geritten werden, also mit der Nasenlinie VOR der Senkrechten.

Toller wissenschaftlicher Vortrag in dem ein bekanntes Ergebnis super in seiner Entwicklung aufgebaut erklärt wurde und damit wissenschaftliche Beweise bietet. Wir alle hoffen, dass dadurch die Anerkennung dieses Themas in der Öffentlichkeit steigt und Maßnahmen für gutes Reiten durchgesetzt werden!

 

Michaela Hohlstein

VFD KV Bamberg Vorsitzende

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