Geliebt und missbraucht – Pferd und Natur im Fokus – ein überwiegend kritisches Lesebuch

Eine Rezension aus dem PRESSEDIENST des Pferdesportverbandes Ba.-Wü. für Dezember von Martin Stellberger:

„Wo immer der Mensch auf seinem langen Weg in die Zivilisation einen Fußabdruck hinterlassen hat, da ist ein Hufabdruck direkt daneben.“ Unter diesem Motto hat Horst Brindel zusammen mit 40 Autoren und der Vereinigung der Freizeitreiter und -fahrer in Deutschland e.V. (VFD) ein Buch herausgebracht, das sich als „Ein überwiegend kritisches Lesebuch“ versteht über das „Pferd und Natur im Fokus“. Der Haupttitel lautet: „Geliebt und missbraucht“. Was sich hinter dem etwas provokanten Titel verbirgt, ist eine Sammlung von Aufsätzen, die es allesamt wert sind, gelesen zu werden. In sechs Rubriken schreiben Autoren zu einem Thema, das sich mit Pferden, Gestüten, Zucht, Historie und Moderne befasst. Im Einzelnen werden die Texte unter folgende Themen gesammelt: „Pferd und Mensch“ umfasst 13 Aufsätze. Im Themenbereich „Pferde im Einsatz für den Menschen“ finden sich vier Aufsätze. „Die hippologische Verpflichtung“ hat elf Kapitel und „Das Pferd in der Kunst“ hat vier Aufsätze vereint. Unter dem Titel „Von der Bedeutung des Pferdes für die Natur“ schreiben sieben Autoren und im Themenkomplex „Das Pferd in Tierschutz und Tierrecht“ gibt es fünf Beiträge. Die Aufsätze sind allesamt sehr lesenswert, manche historische Fakten bereichern geradezu, hat man als Leser doch das Gefühl, wieder einmal in die Tiefen der Historie Pferd blicken zu dürfen.

Ein Beispiel, wie sich Leserwege und Bücher kreuzen können: Vor wenigen Tagen fuhr der Autor dieser Rezension zufällig an altehrwürdigen Stallgebäuden und einem Denkmal für den berühmten Züchter und Pferdfachmann Landoberstallmeister Burchard von Öttingen vorbei. Der kurze Aufenthalt machte klar, dass die Gebäude zum Gestüt Altefeld in Hessen gehören. Die Zeit reichte damals nicht für tiefere Einblicke. Just im vorliegenden Buch aber erfährt der Leser eine recht ausführliche „Führung“ durch die Geschichte dieses Gestüts und die Zusammenhänge seiner Gründung bis heute. So entsteht natürlich erhöhte Lesemotivation. Da die Themen des Buches auch die Passion des Rezensenten, nämlich das Wanderreiten mit einem Beitrag von David Wewetzer berührt, blieb es nicht aus, dass das gute Lesegefühl intensiviert wurde. Kurz um, das Buch aus dem VFD-Hause ist eine Bereicherung für jeden Pferdefreund. Von Sachlichkeit geprägt sind alle Beiträge, auch wenn man spürt, dass jeder Autor mit seinem Herzen bei der Sache ist. Auch Meinung wird deutlich, denn es heißt ja im Untertitel, dass die Autoren ein „kritisches Lesebuch“ schaffen wollten. Das ist ihnen gelungen. Sie erreichen den Leser nicht nur, sie bereichern und berühren ihn.

So manche trockenen Fakten erstaunen dabei, wie z.B. die Geschichte über „Pferde im Einsatz für den Menschen“. Ein paar Zahlen zeigen hier, wie sehr der Mensch gerade in Zeiten der großen industriellen Wandlungen vom Pferde abhängig war. Ann-Marie Dieckmann vom Zugpferde-museum Lütau schreibt davon, dass z. B. 1913 in den drei Kohlebezirken Dortmund, Breslau, Bonn 11.742 Pferde unter Tage gearbeitet haben. „1963 waren es immer noch 30 Grubenpferde in Deutschland.“ Die Schultheißbrauerei in Berlin habe um 1900 mit 800 Pferden und 600 Wagen ihr Bier unter die Leute gebracht. Die Bassonsche Pferdeomnibusgesellschaft kutschierte ihre Fahrgäste in Hamburg mit 500 Pferden. In der Pariser Omnibus-Gesellschaft Ende 1880 beförderten 14.000 schwere Percherons jährlich 120 Millionen Fahrgäste. Die Pferde waren in den Großstädten gar in mehrstöckigen Ställen untergebracht. Unglaublich – was man heute als Pferdefreund nicht (mehr) weiß. Noch einmal: Gerade die historischen Beiträge sind besonders wichtig. Aber auch die Beiträge über das Pferd in der Kunst lassen Blicke frei werden auf Maler wie Paul Gaugin und seine Südseepferde oder durch die Linse der renommierten Pferdefotografin Gabriele Boiselle. Ja, selbst so manches alte Gestüt hat architektonisch etwas mit Kunst zu tun.

Ein anderer Teil des Buches befasst sich mit der „Bedeutung des Pferdes für die Natur“. Besonders der Aufsatz von Wolfram Wahrenburg gerät dabei zu einem vehementen Plädoyer für die Biodiversität und passt rein zufällig genau zu einem kürzlich in der Schleyer-Halle Stuttgart verliehenen Preis im Zusammenhang mit der UN-Dekade Biologische Vielfalt. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung und der Pferdesportverband Baden-Württemberg wurden für ihre Aktion „Pferde fördern Vielfalt“ ausgezeichnet.

Ein schwieriges Kapitel ist das letzte des Buches: Das Pferd in Tierschutz und Tierrecht. Durchaus selbstkritisch betrachten die Autoren die Situation in der Ausbildung von Pferden – mit Recht. Aber sie stellen den Pferdesport und das Leben mit Pferden ganz und gar nicht in Frage. Im Gegensatz zu mehr oder weniger als militant wahrgenommenen Tierschutzorganisationen. Hier erfolgt eine klare Grenzziehung: „Wir appellieren deshalb an das Gewissen der Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen… aber auch an alle Menschen mit einem gesunden Hausverstand… dieseTierrechtsorganisationen als scheinheilig, machtbesessen, geldgierig und eigennützig einzustufen und nicht als aufrechte Vertreter des Tierrechts anzuerkennen.“

Der rote Faden, dem Leser das Pferd in vielfachen Facetten nahezubringen, zieht sich durch alle Aufsätze. Das Bemühen der Autoren, dem Leser etwas mitzugeben auf seinem Lebensweg mit den Pferden, wird spürbar und wirksam. Sachverstand und Empathie schließen sich bekanntlich nicht aus. Beide Eigenschaften gehören gerade im Leben mit den Pferden zusammen. Den Autoren und Initiatoren gebührt für dieses sehr gute Buch Dank!

Der Titel „Geliebt und missbraucht – Pferd und Natur im Fokus – ein überwiegend kritisches Lesebuch“ wurde herausgegeben von Horst Brindel zusammen mit dem VFD, wo es auch zu beziehen ist. Das Buch ist gebunden und auf 236 Seiten reich bebildert. Es ist in den Maßen 21 x 26 cm als Hardcover erschienen und im VFD-Shop  für 12,00 Euro (gesponsert) zzgl. 3,00 Euro Versandkosten zu beziehen.Flyer

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