Domestizierte Tiere sind in jeder Hinsicht abhängig von uns: Fische, Meerschweinchen, Katzen, Hunde – und natürlich auch Pferde. Damit tragen wir eine große Verantwortung, besonders weil wir sie in der Regel bei einer anderen Person zur Versorgung einstallen. Um optimal für die Tiere in unserer Obhut sorgen zu können, benötigen wir ein breites und bei bestimmten Themen auch tiefer gehendes Wissenspektrum über die jeweilige Tierart. Darüber hinaus ermöglicht theoretisches Wissen eine harmonische, lange, glückliche und erfolgreiche Partnerschaft mit unseren vierbeinigen Freunden. Was beinhaltet diese Verantwortung im Einzelnen für uns Reiter, Pferdebesitzer und Stallbetreiber?
Domestizierung bedeutet, daß eine Tierart über Generationen hinweg von seiner Wildform genetisch isoliert gehalten wird. Dadurch werden ein Zusammenleben mit Menschen und eine Nutzung durch diese ermöglicht. Spezielle Auswahlkriterien bei der Zucht in Bezug auf z.B. Größe, Körperbau, Fellfarbe, Eigenschaften, etc führen dazu, daß sich die Art in eine vom Menschen gewollte Richtung entwickelt. Solche Veränderungsprozesse geschehen nicht von heute auf morgen, sondern benötigen extrem viel Zeit. Pferde wurden erst vor ca. 6.000 Jahren domestiert. Sie haben also noch ursprüngliche Verhaltensweisen und Bedürfnisse. Diese müssen wir kennen, damit sie artgerecht und gesund mit uns Menschen leben können. Wenn diese genetisch verankerten Ansprüche an bestimmte Bedingungen nicht erfüllt werden, kann es zu Leistungsabfall/-verweigerung, Verhaltensauffälligkeiten, Gesundheitsstörungen, Störungen in der Partnerschaft Pferd/Mensch und Gefahrensituationen kommen. Im schlimmsten Fall ist es laut Tierschutzgesetz Tierquälerei.
Artgerecht in Bezug auf Pferdehaltung heißt, beim jeweiligen Haltungssystem die natürlichen Bedürfnisse und Verhaltensweisen als Herden-, Fluchttier, Steppenbewohner, Wanderwild etc zu berücksichtigen. Dies beinhaltet unter anderem möglichst täglichen Auslauf an frischer Luft und im Herdenverband, Hygiene in Ställen und Ausläufen sowie die Einhaltung des Platzbedarfs. Die bekannten Fütterungsregeln müssen unbedingt beachtet werden, um das empfindliche Verdauungssystem nicht zu belasten. Die vermenschlichte Betrachtung eines Haltungssystems ist genauso schädlich wie die Auswahl eines Stalls nur nach menschlichen Bedürfnissen (z.B. eine angegliederte Gaststätte). Das Pferd muß sich 24 Stunden am Tag dort wohl fühlen können, es ist sein ständiger Lebensraum.
Die Basis für pferdegerechten Umgang ist das Erlernen der Pferdesprache. In erster Linie kommunizieren Pferde über Körpersprache. Stellen Sie sich vor, sich plötzlich in einem Land zu befinden, dessen Bewohner eine unbekannte Sprache sprechen - eine unheimliche Vorstellung. So geht es den Pferden sicher mit uns. Wir müssen uns bemühen, uns bei der Kommunikation und Erziehung sowie beim Training nach ihrer Art der Verständigung zu richten.
Domestizierte Pferde haben anderen Pflegebedarf als wild lebende und sie können ihren täglichen Rhythmus nicht selbst bestimmen. Neben dem täglichen Putzvorgang gehören auch Vorsorgemaßnahmen wie Impfungen, Wurmkuren, Zahn- und Hufkontrollen etc zu unseren Pflichten. Auch die Reinigung und Wartung der Ausrüstungsgegenstände gehört dazu. Wir müssen den Gesundheitszustand unseres Pferdes richtig einschätzen und Krankheiten oder Unwohlsein erkennen können. Wir müssen entscheiden, wann der Tierarzt gerufen werden muß. Wir sollten Erste Hilfe-Maßnahmen anwenden können.
Neben dem Auslauf mit Pferdefreunden bewegen wir unsere Pferde meist noch: an der Longe, mit Bodenarbeit, unter dem Sattel, vor der Kutsche, beim Ausritt, etc. Um das Pferd schonend und gesunderhaltend zu trainieren, sind anatomische Kenntnisse über Skelett, Muskeln etc. sehr wichtig. Darüber hinaus müssen wir uns über Sättel, Trensen, Gebisse und sonstige Ausrüstungsgegenstände gut informieren. Wir sollten die Reitlehre verinnerlicht haben und uns reiterlich laufend fortbilden.
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